Home Allgemein „Hätten Sie in einer anderen Klinik entbunden, dann hätten Sie die Geburt Ihrer Tochter nicht überlebt.“

„Hätten Sie in einer anderen Klinik entbunden, dann hätten Sie die Geburt Ihrer Tochter nicht überlebt.“

by Paul

Die Überschrift des heutigen Gastbeitrags stimmt mich leise und nachdenklich. Die liebe Leni von @wasleniliebt möchte Euch gern ihre ganz persönliche Geschichte erzählen. Das Geschehene kann mir aus Sicht eines Mannes nie passieren, jedoch aus Sicht eines Vaters und Partners an der Seite meiner Frau, ist es so nah und greifbar. Liebe Leni, vielen Dank für Deinen Mut, uns deine Geschichte zu erzählen.

„Hätten Sie in einer anderen Klinik entbunden, dann hätten Sie die Geburt Ihrer Tochter nicht überlebt.“ Diese Worte hallen bis heute in meinen Ohren. Drei Tage nach der Geburt meines ersten Kindes….und auch meines letzten. Denn was mir noch auf der Intensivstation erzählt wurde, hatte ich noch lange nicht in meinem Kopf begreifen können. Zu groß waren die körperlichen Schmerzen und noch größer die Angst aufgrund der Komplikationen, die in den nächsten Tagen und Wochen folgen sollten.

Heutzutage spricht niemand mehr über Müttersterblichkeit. „Die Medizin ist doch so fortgeschritten.“ Dass Kinder während der Geburt sterben können, ist wohl bekannt und auch die allergrößte Sorge bei werdenden Eltern. Das war auch meine. Und das war auch der Grund, warum ich in der Uniklinik entbinden wollte. Es ist das schrecklichste und furchtbarste, was passieren kann…wenn das eigene Kind verstirbt. Als Kinderkrankenschwester sieht man sowas. Doch warum bekommen Mütter, die beinahe gestorben sind, kein Gehör für ihr Leid? So oft musste ich mir anhören: „Du lebst doch und hast ein gesundes Kind.“ Doch niemand versteht, dass bei der Geburt meines ersten Kindes auch „alle meine zukünftigen Kinder gestorben sind“. Klingt makaber? Aber so fühlt es sich an. Denn mir wurde die Entscheidung einfach so genommen, ob ich weitere Kinder haben möchte oder nicht. Und das wollten WIR. Wir träumten oft von unserer zukünftigen Familie mit zwei oder drei Kindern. Doch von einer Sekunde auf die andere sind alle weiteren Wunschkinder „tot“.

Die Geburt: Was für viele werdende Eltern der schönste Tag ihres Lebens werden soll, wurde am 23.03.2016 zu unserem schlimmsten Alptraum. Es gab keine Vorboten für dieses schreckliche Ereignis, keine Anzeichen dafür, dass wir unseren persönlichen Horrorfilm drehen würden. Denn auch ein weiterer Satz hallt noch in meinen Ohren: „Ihre Krankenhausakte liest sich wie eine Horrorgeschichte.“ Mehrere voneinander unabhängige Ärzte, doch alle mit fast den identischen Worten.

Heute sieht man es mir nicht mehr an. Nur wer mich vor der Schwangerschaft kannte, erkennt die Spuren an meinem Körper, die geblieben sind. Vor allem die gekrümmte Körperhaltung, in der ich Monate nach der Geburt verweilte…aufgrund von körperlichem Schmerz. Doch auch wegen psychischem Schmerz. Ich wollte nicht weiter leben. Zuzeiten meiner größten Tiefs krümmte ich mich zusammen und schrie und weinte verzweifelt, dass ich doch bitte sterben könnte. Ich konnte diese physischen und psychischen Schmerzen nicht mehr ertragen. Was würde mir dieses Leben noch bringen, wenn ich mich als Mutter nicht selbst um mein Kind kümmern konnte?

Dabei sah meine Vorstellung ganz anders aus. Als gelernte Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin war ich nicht nur kompetent im Versorgen von Neugeborenen, sondern auch in der beratenden und anleitenden Funktion. ICH wollte meinem Ehemann zeigen, wie er als stolzer Papa seine Tochter das erste Mal wickelt, wie die Nabelpflege funktioniert, was man bei Bauchkoliken macht, wie man unsere Tochter am besten hält und zum Einschlafen bringt und wie man ihr die Flasche gibt. ICH wollte bei den Erstuntersuchungen meiner eigenen Tochter dabei sein, bei denen ich den Ärzten und Krankenschwestern ganz genau auf die Finger geschaut und Löcher in den Bauch gefragt hätte.

Stattdessen lag ich da als ihre „Kollegin“, wie ich immer genannt wurde, und konnte mich vor Schmerz kaum bewegen. Es tat im Herzen so weh, als ob mir jemand das Herz in der Brust zerreißen würde. Pure Hilflosigkeit und Verzweiflung. Vor allem in der ersten Nacht zu dritt in unserem Familienzimmer. Denn schließlich durfte ich am dritten Tag endlich zu meinem Baby auf die Entbindungsstation. Mein Mann war körperlich so am Ende, dass ihn nicht mal ein Erdbeben aufgeweckt hätte und meine verzweifelten Schreie somit auch nicht. Denn unsere Tochter fing nachts an lauthals zu weinen. Sie brauchte alle zwei Stunden ihre Flasche, denn stillen durfte ich noch nicht wegen den Medikamenten, die ich auf der Intensivstation bekommen hatte. Ich konnte nicht aufstehen, sie nicht aus dem Bettchen zu mir nehmen. Bis endlich eine Schwester kam und sie uns „wegnahm“. Wir sollten uns ausruhen und schlafen, meinte sie. Dabei wollte ich nur mein Kind in meine Arme…

Die ganze Zeit über hatte ich auch noch wahnsinnige Angst ohne die Maschinen sein zu müssen, an denen ich auf der Intensivstation verkabelt gewesen bin. Die Gefühle aus der Geburtsnacht schossen mir immer wieder in den Kopf. Nach über 33 Stunden Wehen, einem Verdacht auf Uterusruptur (der zum Glück nicht bestätigt wurde), einem danach suspektem CTG und letztendlich Geburtsstillstand, folgte nämlich ein Kaiserschnitt. Ich wusste wie das verlief, war mehrmals in meiner Ausbildung dabei gewesen. Umso schrecklicher zu wissen, was mit einem gemacht wird. Doch ich blieb stark und machte noch Scherze mit den Ärzten. Voll benebelt aufgrund der Erschöpfung. Ich hatte bereits über 40 Stunden nicht geschlafen. Alles verlief angeblich gut. Zurück im Geburtszimmer, endlich mein Baby das erste Mal auf dem Arm, verlor ich nach 15 Minuten immer öfter das Licht vor den Augen. Zuerst dachte ich, es wäre die Müdigkeit. Doch dann spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Mit letzter Kraft bat ich meinen Mann die Hebamme zu rufen. Schnell war klar: innere Blutungen, Schocklagerung, Notoperation. Licht aus.

Meine letzten Worte hatte sich der operierende Oberarzt gut gemerkt, denn das waren seine ersten Worte, als wir uns wieder sahen. „Ich habe mein Versprechen gehalten.“

Denn als mir klar wurde, dass ich sterben könnte, hatte ich nur einen einzigen Wunsch geäußert, bevor die Narkosemaske aufgelegt wurde: „Lassen Sie mich bitte nicht sterben.“ Er nickte und kniff die Augen zu. Ob er etwas gesagt hatte, habe ich nicht mehr gehört.

Ich kann bis heute nicht über die Details reden, es tut zu sehr weh. Doch ich kann sagen, dass ein ganzes Ärzteteam auf die Beine gestellt wurde und der Chefarzt die zweite Notoperation mitten in der Nacht übernahm, als nur noch Minuten darüber entscheiden sollten, ob ich überlebe. Über acht Stunden wurde operiert, sechs Liter Blutverlust, 21 Blutkonserven und zig anderweitige Konserven und Medikamente. Woanders als in der Uniklinik hätte es dies nicht gegeben. Zu klein wäre der Vorrat gewesen, zu wenig Zeit es von woanders zu holen. Ich wäre einfach verblutet und gestorben.

Es gibt da ein Bild in meinem Kopf. Ich kann es bis heute nicht zuordnen. Ich habe von ähnlichen Zuständen gelesen. Eine Nahtoderfahrung? Ich schwebte im Raum, hörte Stimmen und immer wieder ein Piepen, sah vernebelte Silhouetten…. Es ist unheimlich und ich versuche nicht daran zu denken. Vielleicht sind es auch nur Erinnerungsfetzen aus meiner Zeit im Klinikum, vermischt mit den Empfindungen während ich im Koma lag.

Denn aufgewacht, bin ich erst nach zwei Tagen. Ich lag im künstlichen Koma. Meine Tochter sah ich somit erst am Ende ihres zweiten Lebenstages…für 5 Minuten. An diese drei Tage auf der Intensivstation kann ich mich unfassbar schwer erinnern. Immer wieder wurde ich „abgeschossen“ mit Schmerzmitteln und Opioiden. Ich wurde auch zu schnell auf die Entbindungsstation verlegt, denn ich sollte nach zwei Tagen wieder auf die Intensivstation zurückkehren. Ich bekam eine beidseitige Lungenembolie…

Auch diese überlebte ich. Es war ein harter Kampf, bei dem die Ärzte mein Blut verdünnen mussten, aber gleichzeitig aufpassen mussten, dass ich nicht erneut verblute. Jede Stunde gab es eine Kontrolle. Zwei Wochen dauerte es noch, bis es so aussah, dass ich weiterleben würde. Es kamen noch so einige Komplikationen dazu…ich stand kurz davor, dass ein Organ versagen würde. Ich werde nie den Moment vergessen, als meine Mama nach einer kritischen Arztvisite stillschweigend aus dem Zimmer lief und anfing vor der Tür verzweifelt zu weinen. Sie dachte erneut, dass sie mich, ihre einzige Tochter, verlieren würde. Sie hat meinen Vater angerufen und ihm den Ernst der Lage erzählt – er kam noch in der Nacht die fast 300 km zur Uniklinik gefahren. Denn meine Eltern wohnen nicht in Köln. Meine Mama blieb jedoch bei uns und war rund um die Uhr für unsere Tochter da…vom ersten Lebenstag bis zum sechsten Lebensmonat.

Vieles verdanke ich meinem guten gesundheitlichen Zustand vor der Schwangerschaft. Wenn ich nicht dermaßen körperlich fit gewesen wäre, dann hätte es mein Herz und mein Kreislauf bereits in der Geburtsnacht nicht überstanden. Wie Ärzte zu mir sagten, wäre es mein Glück, dass ich mit 25 noch so jung gewesen bin, keine Vorerkrankungen hatte und mich in einem trainierten Zustand befand. Den Sport, meine größte Leidenschaft vor der Schwangerschaft, kann ich bis heute nicht mehr so machen, wie früher. Deshalb habe ich bis heute noch stark damit zu kämpfen, meinen Körper so zu akzeptieren, wie er nun ist.

Wisst ihr, ich könnte tatsächlich über all das ein Buch schreiben. Ich könnte unendliche Seiten damit füllen. Allein die Geburt und die Komplikationen, aber vor allem auch über das Leben danach. Denn es ist alles andere als einfach gewesen, mich wieder einigermaßen in mein Umfeld zu integrieren. Bis heute leide ich daran. Es ist das Unwissen darüber, woran all das lag. War es ein Ärztefehler? Aber selbst das, würde nichts an der heutigen Situation ändern können. Es würde mir aber aus der Ungewissheit helfen, warum ich das durchmachen musste. Schuldzuweisung bringt mich nicht weiter, aber diese Leere in mir würde ich gerne mit einer Antwort auf das WARUM füllen wollen. Doch dieses Loch der Ungewissheit wird für immer offen bleiben und ich muss lernen damit zu leben.

Meine Tochter braucht eine glückliche Mama, damit es auch ein glückliches Kind sein kann. Das setze ich mir täglich als Lebensaufgabe. Die Bindung, die zwischen uns besteht, hätte ich mir auf diese Weise nie erträumen können. Groß waren meine Zweifel, dass mein Kind mich nicht als seine Mutter akzeptieren würde. Groß war meine Angst, dass sie mich nicht lieben würde. Am größten war jedoch meine Angst, dass ICH sie nicht so lieben könnte, wie eine Mutter ihr Baby lieben sollte. Zu sehr war ich damals mit mir selbst beschäftigt.

Was soll ich euch heute sagen? Fast drei Jahre danach… Diese Liebe zwischen meiner Tochter und mir ist unbeschreiblich groß und stärker denn je. Bedingungslos. Unendlich. All das hat uns auf eine sehr harte Probe gestellt, jeden einzelnen von uns, als Ehepaar und uns zusammen als Familie. Doch das hat uns unbesiegbar gemacht und wir sind die stärkste Einheit, die man sich vorstellen kann. Wir lieben und respektieren uns, achten einander sehr…jede Sekunde. Denn wir haben zu spüren bekommen, wie schnell man den anderen verlieren kann und wie schnell das eigene Leben zu Ende sein kann.

Man schätzt das Leben viel mehr als vorher. Man setzt sich im Leben ganz andere Prioritäten. Mein größter Wunsch ist es, meine Tochter glücklich aufwachsen zu sehen. Mit all unserer Liebe und vor allem meiner Liebe als Mama soll sie ein erfülltes Leben haben. Ich bin Gott dankbar, dass ich diese Chance bekommen habe. Dankbar, dass meine Tochter nicht ohne ihre Mama aufwachsen muss. Sie ist mein Sinn des Lebens geworden. Und zurückblickend…würde ich ohne zu zögern all das wieder auf mich nehmen! Denn sie ist mein Leben und darüber hinaus, das Beste, was mir geschehen konnte, mein größtes Glück…für immer und ewig.

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4 comments

Jayjaas_mamablog 27. Februar 2019 - 20:29

Es hat mich zu Tränen gerührt..starke Frau und Starke Mama.
Ich wünsche dir von Herzen nur das Beste liebe Leni.

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Sarah 27. Februar 2019 - 22:59

Eigentlich wollte ich der Autorin nur sagen, dass ich ähnliches (etwas weniger schlimm) durchgemacht habe, bei der Geburt meiner Tochter. Sie ist jetzt 5 geworden und hat einen 2,5 jährigen Bruder. Als ich mit ihm schwanger wurde ist das ganze Trauma wieder an die Oberfläche gekommen, hatte ich es doch so gut verdrängt. Die ersten Monate der zweiten Schwangerschaft waren für mich leider überhaupt nicht schön, ich konnte mich nicht darauf freuen und hatte immer Angst das Baby würde das merken. Denke die Zahl der Mütter die ähnliche Erfahrungen gemacht haben ist immens hoch, aber kaum einer spricht darüber. Aber genau deine Gedanken und Gefühle hatte ich auch – ich wollte beim Baby sein und es wickeln und halten wenn es weint beim Arzt, stattdessen war ich im Bett oder dem Rollstuhl und weinte und weinte.. Ich kann kaum nur daran denken zereisst es mich innerlich.

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Mariola 28. Februar 2019 - 20:09

Leide selbst auch noch unter einem Geburtstrauma, denn auch bei uns verlief es alles andere als schön. Aber deine Geschichte lässt mich hier gerade ganze Taschentücher vollweinen…
Du hast wirklich etwas schreckliches hinter dir und umso mehr ist es zu bewundern, wie stark du bist und alles
bestmöglich positiv angehst! Die besten Wünsche und viele tolle Momente in eurem noch langen, gesunden Leben ?

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RabaukenKönigin 2. März 2019 - 18:56

Vielen Dank, dass diese Erfahrung geteilt wurde! Ich hab den Beitrag direkt zweimal gelesen. Ich musste schon beim ersten Satz weinen, denn wir haben bei der ersten Geburt fast unseren nun 3Jahre alten Sohn verloren und bei der 2. Geburt hatte ich durch einen Arztfehler ganz schön zu kämpfen um mich und den Keks da heile rauszubekommen.
:-*

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